„Mit einer russischen Seele
in Deutschland zu Hause“
Literarische Reise in die
russische Romantik des Fjodor Tjutschev
„Ich bin eine
Aussiedlerin, die 1995 aus Kasachstan nach Deutschland kam, von Beruf eine
Philologin und nach wie vor in die russische Sprache und Literatur verliebt“,
stellte sich Lilia Boxler selbst vor. Gemeinsam mit Svetlana Flat, Natalia
Schneider und Viktoria Naumann entführte sie am vergangenen Freitag die
Besucher in der Aula der Mitterfeldener Grundschule auf eine ungewöhnliche
Reise in die Zeit der russischen Romantik. Gelesen und gesungen wurden auf
Einladung des Kulturvereins der Gemeinde Ainring Gedichte und Romanzen von
Fjodor Tjutschev.
„Ich hoffe, dass diese
Gedichte ihr Herz berühren, weil es da um Liebe geht, die wir leider sehr oft
vermissen. Die große unendliche Liebe hat Tjutschev zum Schaffen bewegt“.
Einfühlsam und gemütvoll zeichneten Lilia Boxler und ihre Kolleginnen den
Lebensweg des Fjodor Iwanowitsch Tjutschew nach, einem der größten Dichter der
russischen Romantik. 22 Jahre lebte dieser in seiner Wahlheimat München, schuf
über 400 Gedichte und veröffentlichte 1300 Briefe. Als junger Diplomat wurde er
in den Wirbel der höchsten ausländischen Gesellschaft geworfen, wurde doch bald
zum Favorit der Münchener Salons. Er schloss Freundschaften mit Heinrich Heine,
König Ludwig I und dem Architekten Klenze. Durch Tjutschevs Übersetzungen
entdeckten die Russen erst ihre Begeisterung für Schiller, Goethe, Heine,
Uhland und Nikolaus Lenau.
In der deutschen Poesie fand
der russische Dichter ein Echo seines seelischen Zustandes. Was ihn hin und her
trieb war jedoch einmal mehr die Liebe. Der verheirateten Amalie, Gräfin
Lerhenfeld, widmete er „eine lyrische Hymne der Vergänglichkeit des Glücks und
des Seins, eine Erinnerung in Versen“. Die innere Zerrissenheit einer
verhinderten Beziehung und eine brechende Einsamkeit prägten Tjutschevs Werk.
Svetlana Flat, Natalia Schneider und Viktoria Naumann präsentierten gesanglich
seine „tiefen Gedanken über die Natur, über ihre Schönheit, über die Freude,
über ihr Aussehen und Verstehen, über den Platz des Menschen in der Welt“.
Im Leben immer klein und
kränklich verlieh sich Tjutschev in seiner Poesie unerhörte Macht und die
Begabungen eines Propheten. Wirklich verstanden werden konnten seine Werke nur
in Russland, in jener einfühlsam starken und stolzen Sprache, die seine Seele
widerspiegelte. Die vier Damen um Lilia Boxler, allesamt Aussiedlerinnen,
verstanden es vorzüglich, ihrem Publikum diese sprachliche Innerlichkeit in herzlicher
Weise nahe zu bringen. Letztendlich ging es an diesem Abend auch um das
Zuhausesein. „Nicht wo du die Bäume kennst, sondern wo dich die Bäume kennen,
bist zu Hause“, verabschieden sie sich leise.

v.l.n.r.
Lilia Boxler, Svetlana Flat, Viktoria Naumann und Natalia Schneider.

Fotos und Text: Hänsch
Copyright © Andreas Hänsch
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